Vom moralischen und wirtschaftlichen Wohl der Steuerhinterziehung

16.10.2013 – von Hans-Herrmann Hoppe.

Hans-Hermann Hoppe

Das Thema Steuern und Steuerhinterziehung ist wieder in aller Munde, nicht zuletzt dank Uli Hoeneß.

Lassen Sie mich dazu mit einem Zitat von dem von mir hoch geschätzten H.L. Mencken beginnen, der einst, in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, einer der berühmtesten amerikanischen Journalisten und Kultur- und Gesellschaftskritiker war.

Mencken schrieb zum Thema folgendes (meine Übersetzung): “Der Mann auf der Straße, Otto Normalverbraucher, was immer auch sonst seine Fehler oder Irrtümer sein mögen, erkennt doch zumindest klar, dass die Regierung etwas ist, was außerhalb des normalen menschlichen Zusammenlebens liegt – dass es eine separate, unabhängige und oft feindliche Macht ist, allenfalls teilweise unter seiner Kontrolle und in der Lage ihm großen Schaden zuzufügen. … Ist es ein bedeutungsloser Zufall, dass überall die Beraubung des Staates durch Steuerhinterziehung als ein geringeres Übel angesehen wird als der Raub an einem Individuum oder auch einem Unternehmen? … Wenn eine Privatperson beraubt wird, dann wird ein verdienstvoller Mensch um die Früchte seines Fleisses und seiner Sparsamkeit gebracht. Wenn dagegen eine Regierung beraubt wird, ist es das Schlimmste was passieren kann, dass gewisse Schurken und Faullenzer weniger Geld zu verprassen haben als zuvor. Die Vorstellung, dass sie dieses Geld verdient haben, unterhält niemand; für die meisten Personen die bei Sinnen sind erscheint sie geradezu lächerlich. Es sind einfach Gauner, die aufgrund von Rechtsunfällen den zweifelhaften Anspruch auf einen Anteil an den Erträgen ihrer Mitmenschen erheben. Wenn dieser Anteil durch private Initiative verringert wird, ist das Resultat insgesamt im Großen und Ganzen weit lobenswerter als andernfalls.”  (A Mencken Chrestomathy [New York: Vintage Books, 1949] pp. 146–47)

Wenn ich mir die im Internet veröffentlichten Leserbriefe zum Fall Hoeneß anschaue, frage ich mich, ob Mencken bei seiner Einschätzung des gesunden Menschenverstandes bei Otto Normalverbraucher nicht doch zu zuversichtlich und optimistisch ist. Dass die Politiker aller Parteien hasserfüllt über Herrn Hoeneß herfallen würden, hatte ich nicht anders erwartet. Schließlich sind sie es ja, die sich ihre Gehälter, ihr Gutmenschentum, ihre Spielchen und ihre Gespiellinnen von Herren wie Hoeneß finanzieren lassen und die barmen müssten, wenn diese Finanzierung ausbliebe. Doch auch Otto Normalverbraucher scheint entrüstet über das Vergehen der Steuerhinterziehung. Aber vielleicht ist das alles auch nur eine Täuschung, und es ist gar nicht Otto Normalverbraucher, der Leserbriefe im Internet schreibt. Ich kann nur hoffen, dass es so ist. Oder, und ich fürchte dies ist der Fall, Otto Normalverbraucher ist seit den Tagen Menckens schlicht und einfach einfältiger geworden oder gemacht worden und intellektuell und moralisch degeneriert.

Wie dem auch sei, ich will im folgenden zeigen, warum die von Mencken beschriebenen Normalbürger nicht nur recht haben, sondern, darüber hinausgehend, warum es nicht die sogenannten Steuerhinterzieher wie Uli Hoeneß sind, die verurteilt und eingesperrt werden sollten, sondern umgekehrt diejenigen, die diese Steuern beschließen und eintreiben, also unsere “hochverehrten” Politiker: Merkel, Schäuble, Steinbrück, Steinmeier, Rösler, Trittin, Lafontaine, und wie sie alle heißen mögen. Und ich will zeigen, dass Steuern nicht nur Diebstahl sind und Politiker darum eine Bande von Dieben, sondern dass Steuern vielmehr auch wirtschaftlicher Unsinn sind und den Volkswohlstand systematisch verringern.

Naturgemäß werden Politiker, die ja mit und aus Steuern bezahlt werden, diese als gerechtfertigt und legitim erklären und Steuerhinterzieher als kriminell hinstellen. Und sie werden bei diesem Unterfangen eifrig von einer ganzen Meute ebenfalls steuerfinanzierter “Intellektueller” unterstützt. Aber auch der größte Eifer und die größten intellektuellen Verrenkungen können die Tatsachen nicht aus dem Wege schaffen.

Zunächst – wer wollte das bestreiten: Offensichtlich sind Steuern keine normale, freiwillige Zahlung für Güter und Dienstleistungen, da es nicht gestattet ist, diese Zahlungen einzustellen, falls man mit dem Produkt unzufrieden ist. Man wird nicht bestraft, wenn man aufhört, VW-Autos zu kaufen – und damit das Gehalt von Herrn Winterkorn und sämtlichen VW-Arbeitern zu zahlen. Aber man wird ins Gefängnis geworfen, wenn man sich weigert, für den Berliner Regierungspomp und -protz aufzukommen – und damit das Gehalt von Frau Merkel, ihren Konsorten und sämtlichen Staatsbediensteten zu zahlen.

Wenn man Steuern dennoch als gerecht und eine Zahlungsverweigerung als ungerecht hinstellen will, dann gibt es dafür nur einen argumentativen Ausweg. Man muss versuchen zu argumentieren, dass Steuern irgendwie irgendeine vertragliche Grundlage haben und Steuerhinterzieher deshalb irgendwie eines Vertragsbruchs schuldig sind. Aber auch diese Versuche, Steuern zu rechtfertigen, sind allesamt zum Scheitern verurteilt.

So hat man zum Beispiel versucht, Steuern als so etwas wie Mietzahlungen hinzustellen, als Nutzungsgebühren, so wie sie ein Mieter an seinen Vermieter entrichtet. Doch dann müsste z.B. der deutsche Staat der Eigentümer ganz Deutschlands und der Hausherr aller Deutschen sein. Und um das zu sein, müsste er zwei Dinge nachweisen können: erstens, dass der Staat, und niemand sonst, Eigentümer jeden Quadratzentimeters deutschen Bodens ist, und zweitens, dass er mit jedem einzelnen Deutschen einen Mietvertrag betreffend der Nutzung und des Preises dieses Eigentums geschlossen hat. Kein Staat – weder der deutsche, der US-amerikanische oder irgendein anderer – kann diesen Nachweis führen. Es gibt schlicht und einfach keine entsprechenden Grundpapiere, und es gibt keine entsprechenden Mietverträge. Das Argument vom Steuerzahler qua Mietzahler scheitert also eklatant an den Tatsachen.

Darum hat man versucht, sich ein anderes Rechtfertigungsargument auszudenken, das etwa so läuft: Zugegeben, Steuerzahler haben gegenüber dem Staat keine vertragliche Zahlungsverpflichtung so wie sie ein Mieter gegenüber seinem Vermieter hat, aber dennoch machen sie sich eines Vertragsbruchs schuldig sollten sie ihre Steuern nicht zahlen. Wie? Warum? Weil sie angeblich auf einer höheren Ebene – hochtrabend heisst das dann auf der Metaebene – ihre Zustimmung zur Besteuerung gegeben haben, indem sie einem “höheren” Gesetz, nämlich der Verfassung, ihre Zustimmung gegeben haben und diese Verfassung ihrerseits die Besteuerung erlaube. Es sei also gar nicht erforderlich, dass man jeder steuerlichen Einzelmaßnahme zustimmt, denn man habe dem Staat durch seine Zustimmung zur Verfassung gewissermaßen eine Generalvollmacht ausgestellt. Aber auch dieses Argument scheitert an den Tatsachen. Denn wo, ach wo, ist die vertragliche Zustimmung zur Verfassung? Wo sind die Unterschriften aller der Verfassung angeblich unterworfenen Personen? Ein paar Politiker haben die Verfassung einst unterschrieben und ein paar Politiker beschwören sie heutzutage. Aber ich habe sie nicht unterschrieben, und so gut wie niemand sonst hat sie unterschrieben. Wie sollte man sich da einer Vertragsverletzung schuldig gemacht haben, wenn man sich weigert, Steuern zu zahlen?

Also muss ein weiteres Argument her. Dies Argument ist in jüngster Zeit von Großintellektuellen wie John Rawls und James Buchanan wieder aufgewärmt worden. Rawls gilt gemeinhin als “Linker” und wird uns von den sogenannten “Autoritäten” in den üblichen verdächtigen Hauptstrommedien regelmäßig als “größter praktischer Philosoph des 20ten Jahrhunderts” aufgetischt, und der Wirtschaftsnobelpreisträger Buchanan gilt gemeinhin als “Rechter” und wird von denselben “Autoritäten” regelmäßig als “großer, radikaler Freimarktwirtschaftler” angepriesen. In der Sache jedoch unterscheidet sich ihr beider Argument in keiner Weise, und wie von offiziell approbierten Großintellektuellen kaum anders zu erwarten, ist ihr Argument gleichermaßen hirnrissig.

Ihrem Argument zufolge ist es gar nicht notwendig einen Vertrag unterschrieben zu haben, um dennoch einen Vertrag abgeschlossen zu haben. Frei nach dem Motto: kein Vertrag ist doch ein Vertrag. Wie das? Dazu ist es angeblich ausreichend, einen fiktiven Vertrag zwischen fingierten, vermeintlich vernünftigen Menschen geschlossen zu haben. Bei Rawls ist das ein hinter einem “Schleier der Unwissenheit” abschlossener Vertrag, und bei Buchanan heißt derselbe fiktive Vertrag ein “konzeptueller Vertrag.” Und mit diesem Trick, mittels fiktiver oder gedanklicher statt wirklicher Verträge, beanspruchen Rawls und Buchanan dann sogar noch ein weiteres Problem “gelöst” zu haben. Mit echten Verträgen ist es offensichtlich unmöglich, auch zukünftige Generationen zu binden – wie sollten diese einem Vertrag zugestimmt haben und durch ihn gebunden sein. Mit nur gedanklichen Verträgen zwischen fingierten vernünftigen Menschen ist das dagegen keine Schwierigkeit mehr. Mittels fiktiver Verträge ist es eine Leichtigkeit, alle Personen für alle Zeiten als gebunden darzustellen.

Die Lächerlichkeit dieser Konstruktion fiktiver Verträge sollte eigentlich offensichtlich sein, aber vielleicht lohnt es sich doch kurz der Frage nachzugehen, ob es tatsächlich denkbar ist, dass vernünftige Personen einen Vertrag a la Rawls oder Buchanan abschließen könnten. Man stelle sich also vor, eine vermeintlich vernünftige Person mache folgenden Vorschlag: Angesichts der Realität und Möglichkeit zwischenmenschlicher Konflikte schlage ich als dauerhafte und unauflösliche Vereinbarung die Einrichtung eines Staates vor. Wir gründen eine Institution, die die Befugnis hat auf einem gegebenen Territorium als Letztrichter tätig zu sein. Der Staat oder konkreter gesagt, der oder die Inhaber und Verwalter des Staates haben bei jedem Konfliktfall, einschließlich aller Konfliktfälle in die sie, die Agenten des Staates, selbst verwickelt sind, das letzte Wort darüber, wer in einem Streitfall recht hat und wer unrecht.

Es ist klar, dass Personen, die sich als Inhaber des Staates sehen oder vorstellen, diese Vereinbarung enthusiastisch begrüßen würden. Was man als Inhaber dieser Einrichtung doch nicht alles anstellen könnte! Das wäre geradezu toll! Aber ist es denkbar, dass alle vernünftigen Personen einer solchen Einrichtung zustimmen könnten? Ich glaube nicht, dass ich sehr wagemutig bin, wenn ich behaupte, dass das völlig ausgeschloßen ist. Eher würde man den Proponenten eines solchen Vorschlags als irre und reif für die Klappsmühle betrachten als ihm zuzustimmen. Denn jede Person, die auch nur halbwegs bei Sinnen ist, würde sofort erkennen was dieser Vertrag in seiner Konsequenz bedeutet. Der Staat bzw. seine Agenten könnten auf seiner Grundlage Konflikte selbst verursachen und diese dann immer zu ihren eigenen Gunsten entscheiden. Man könnte angesichts dessen buchstäblich nicht mehr seines Lebens und seines Eigentums sicher sein. Man hat kein Recht auf Leben mehr, sondern der Staat lässt uns am Leben – solange er nicht befiehlt, dass wir für seine Inhaber töten und sterben müssen. Und man hat kein Recht auf sein Eigentum mehr, sondern der Staat belässt uns unser Eigentum – solange er nicht beschließt es uns wegzunehmen und zu enteignen. D.h., alles private Eigentum wird zu “Fiat”-Eigentum, zu Eigentum von Staates Gnaden.

Nur mit einer ganz realen Pistole am Kopf würde man diesem Unsinn zustimmen können, sei es faktisch oder auch nur fiktiv.

Wie man es also auch dreht und wendet, man gelangt immer wieder zu demselben Schluss: Steuern sind Diebstahl und Räuberei. Es gibt für sie keinerlei vertragliche Grundlage, und Steuerhinterziehung ist darum nichts anderes als Selbstverteidigung gegenüber einer Räuberbande. Es ist kein Unrecht, sich zu weigern an Diebe zu zahlen oder sie hinsichtlich seines Einkommens oder Vermögens zu belügen. Das bedeutet natürlich nicht, dass es klug und weise ist, dies zu tun und seine Steuern nicht zu bezahlen – immerhin ist der Staat, wie Nietzsche es ausgedrückt hat, das kälteste aller kalten Ungeheuer. Er kann dein Leben ruinieren und dich zerstören, wenn du dich seinen Befehlen widersetzt. Aber es kann keinen Zweifel daran geben, dass es gerecht ist, seine Steuern nicht zu zahlen. Uli Hoeneß hatte also keinen Grund, sich für sein Verhalten zu entschuldigen. Aber es ist verständlich, dass er es angesichts der Übermacht der ihm gegenüberstehenden Räuberbande und dem von ihr aufgehetzten Pöbel dennoch getan hat (zumal ihm wohl auch die Argumente gefehlt haben um sein Verhalten argumentativ stringent zu verteidigen und zum Gegenangriff überzugehen).

Damit komme ich zur wirtschaftlichen Beurteilung der Besteuerung. Und gewissermaßen als Übergang zu diesem Thema möchte ich schnell noch ein besonders beliebtes pro-Steuerargument vom Tisch fegen. Sie alle kennen das Argument. Es ist eine weitere intellektuelle Verrenckung, um aus einem Nein, einer Ablehnung, ein Ja, eine Zustimmung zu machen. In der einfachsten Fassung lautet das Argument so: Ja, Steuern sind Zwangsabgaben, aber dafür erhält man immerhin etwas Wertvolles. Der Staat nimmt mir Steuern, aber er finanziert damit, sagen wir, die Asphaltierung des Weges vor meinem Haus, und er tut mir somit eine Wohltat. Darauf ist ganz kurz folgendes zu erwidern. Erstens, es ist nicht sicher, dass es sich tatsächlich um eine Wohltat handelt. Vielleicht hasse ich asphaltierte Wege. Zweitens, selbst wenn es eine Wohltat sein sollte, so ist es doch eine teure Wohltat, denn die Staatsinhaber verlangen doch eine von ihnen festgelegte Kostenerstattung bzw. Aufwandsentschädigung für ihre Wohltuerei, und wenn man das Geld anderer Leute ausgibt, dann ist man mit den Kosten und den Aufwandsentschädigungen bekanntlich sehr viel “großzügiger” – sprich: nachläßiger und verschwenderischer – als wenn man sein eigenes Geld ausgibt. Drittens, selbst wenn die Aufwandsentschädigung Null und die Kosten einer Wohltat tatsächlich Minimalkosten wären, so ist sie dennoch in jedem Fall eine wirtschaftliche Verschwendung; denn die Steuerzahler hätten ihr Geld für etwas anderes, aus ihrer Sicht Wertvolleres ausgegeben (sonst hätte man sie ja nicht zwingen müssen!) – was beweist, dass staatliche Wohltaten, worin sie auch immer bestehen mögen, im besten Fall immer nur zweit- bzw. nachrangige Bedürfnisse befriedigen. Ihre Befriedigung erfolgt immer auf Kosten der Befriedigung erst- und vorrangiger Bedürfnisse und stellt insofern immer eine Vergeudung knapper Ressourcen dar. Und viertens ist es bei Steuern mit einer Einmalzahlung in aller Regel nicht getan. Nachdem ich gewungenermaßen zur Asphaltierung des Weges vor meinem Haus beigetragen habe, muß ich anschließend auch für die weitere Aufrechterhaltung des asphaltierten Wegs aufkommen und eine Wegnutzungsgebühr entrichten. Zur ersten Vergeudung knapper Ressourcen kommt eine weitere hinzu. Vergeudung wird institutionalisiert und perpetuiert.

Mit dem Stichwort “perpetuierte Vergeudung” komme ich zum Kernpunkt meiner Analyse der wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Besteuerung. Mit der andauernden Verschwendung knapper Ressourcen ist es bei Steuern nicht getan. Die Existenz eines Steuerstaates und insbesondere die Existenz eines demokratischen Steuerstaates, bei dem die Regierungsinhaber aus Mehrheitswahlen hervorgehen, hat grundlegende Auswirkungen auf die Sozial- und Persönlichkeits-Struktur, deren wirtschaftlicher Schaden noch unermesslich viel größer ist.

Zunächst: Jede Steuer bedeutet eine Umverteilung von Vermögen und Einkommen. Vermögen und Einkommen werden ihren Eignern und Produzenten zwangsweise genommen und an Personen umverteilt, die dies Vermögen nicht besessen und dies Einkommen nicht produziert haben. Jede zukünftige Akkumulation von Vermögen und jede zukünftige Produktion von Einkommen wird damit ent-mutigt, und umgekehrt wird die Konfiskation und der Konsum bestehender, von anderen Personen verwalteter Vermögenswerte und produzierter Einkommen er-mutigt. Es kommt zur Spaltung der Gesellschaft in zwei antagonistische Klassen.

Auf der einen Seite gibt es die Produzenten, die sich ihr Vermögen und Einkommen auf eigenen Beinen stehend erarbeiten, indem sie etwas leisten und produzieren, was von freiwillig zahlenden Kunden nachgefragt und für preiswert erachtet wird. Der Druck auf diese Produzenten wird umso höher und unerträglicher je höher die ihnen auferlegte steuerliche Belastung. Je höher die Steuern, umso geringer wird darum die Zahl von Produzenten und der Andrang auf produktive Tätigkeiten. Auf der anderen Seite gibt es die Steuerkonsumenten, die sich ihr Vermögen und Einkommen nicht durch Produktion und Verkauf ihrer Produkte im freien Markt verschaffen, sondern parasitär, dadurch, dass sie von den Produzenten auferlegten und abgeknöpften Vermögens- und Einkommenssteuern leben. Je höher das Steueraufkommen, umso größer wird die Zahl derartiger Parasiten und der Andrang auf unproduktive, parasitäre Tätigkeiten und Beschäftigungen. Dass eine Gesellschaft dadurch nicht reicher, sondern insgesamt ärmer wird, sollte sich eigentlich von selbst verstehen. Aber das Bild wird noch trüber, wenn man sich die Parasitenklasse, so wie sie sich insbesondere unter demokratischen Bedingungen herausbildet, noch etwas genauer unter die Lupe nimmt.

Da gibt es zum einen die Unterklasse der sogenannten Sozialhilfeempfänger. Stichwort Hartz IV. Sie bezahlen keine Steuern, sondern ihr Einkommen wird vollständig aus den Steuerzahlungen produktiver Personen bestritten. Sie werden dafür belohnt, dass sie arme Habenichtse sind und nichts tun. Und folglich, je größer die Belohnung, umso mehr Habenichtse und Nichtstuer gibt es. Armut und Arbeitslosigkeit werden nicht vermindert oder gemildert sondern, ganz im Gegenteil, der Anreiz sich aus der Armut zu befreien und einer produktiven Tätigkeit nachzugehen wird reduziert und Armut und Arbeitslosigkeit werden vergrößert. Die Unterklasse wächst und sie wird zu einer permanenten hässlichen Plage. Aber die Unterklasse hat nur wenig Einfluss auf die staatliche Politik. Gewiss, ihre Zahl ist groß, auch Unterklassler wählen, und als Politiker, der um Stimmen buhlt, muss man darum auch sie irgendwie befriedigen. Aber es wäre naiv anzunehmen, dass sie einen bestimmenden Einfluss auf die Politik haben und zu den Hauptprofiteuren staatlicher Umverteilung gehören. Denn schließlich gibt es in aller Regel einen guten Grund, warum manche Personen arme Habenichtse sind und andere Personen es zu Wohlstand gebracht haben. Um es diplomatisch zu formulieren: Bei den Unterklasslern handelt es sich in der Regel nicht gerade um die hellsten Köpfe der Gesellschaft, und es ist kaum denkbar, dass ausgerechnet sie sich bei der Aufteilung der Steuerbeute, im demokratischen Umverteilungskampf, gegenüber ihren helleren Mitmenschen dauerhaft durchsetzen können.

Das bringt mich unmittelbar zur zweiten Gruppe der Klasse wirtschaftlicher Parasiten. Dies ist die Gruppe aller Staatsbediensteten, Angestellten und Beamten, von der Gemeindeebene an aufwärts bis zum Zentralstaat, einschließlich insbesondere aller Politiker. Auch sie bezahlen keine Steuern. Zwar erscheint auf ihrer Gehaltsabrechnung ein Steuerabzug und sie behaupten deshalb regelmäßig dummdreist auch selbst Steuerzahler zu sein. Aber dabei handelt es sich lediglich um eine buchungstechnische Fiktion, einen Trick, um die Gleichheit aller Personen vor dem Steuergesetz vorzugauckeln. In Wirklichkeit stammt ihr gesamtes Nettoeinkommen und alles aus ihm aufgebaute Vermögen aus Steuern. Ihr Einkommen würde nicht von Netto auf Brutto heraufgehen, wenn es keine Steuern mehr gäbe, sondern es würde stattdessen auf Null fallen. Und Steuererhöhungen bedeuten für sie nicht, wie für Produzenten, einen Einkommensverlust, sondern umgekehrt eine Gehaltserhöhung. Sie sind also allesamt genauso wirtschaftliche Parasiten wie Hartz IV Empfänger, nur auf sehr viel höherem, teurerem bzw. kostspieligerem Niveau. Im besten Fall werden sie dafür bezahlt, Dinge zu tun, die sehr viel billiger und besser vom Markt erledigt werden können. In manchen Fällen werden sie einfach nur fürs Faullenzen bezahlt. In aller Regel aber sind sie, darin angeführt und angeleitet von den Politikern an der Spitze des Staatsapparates, damit beschäftigt, wirtschaftliches Unheil anzurichten.

Auch die Politiker sind nicht die Hellsten im Lande. Aber sie müssen immerhin von den Massen gewählt werden um in maßgebliche staatliche Positionen aufzusteigen, um Kanzler, Minister, Parlaments- oder Parteiführer zu werden. Und einmal gewählt müssen sie einen riesigen Betrieb führen und verwalten, um anschließend wiedergewählt zu werden. Dazu gehört zweifellos eine gewisse Intelligenz. Nur: Es ist eben ein ganz besonderer Betrieb, den sie leiten. Das Ziel des Betriebs Staat ist es nicht, einen wirtschaftlichen Gewinn aus dem Verkauf als preiswert erachteter Produkte oder Dienstleistungen zu erzielen. Vielmehr ist es das Ziel, die Steuereinnahmen, über deren Verwendung man als Betriebsleiter bestimmen kann, zu maximieren und seine Ausgaben zusätzlich möglichst noch durch die Aufnahme von Krediten zu steigern, die erst später, mittels zukünftiger Steuern bedient werden müssen. Kurz: der Staat ist eine gigantische Räuberbande, erpicht auf die Maximierung seiner Beute. Und die Intelligenz der Politiker besteht darin, diese Tatsache ideologisch zu verschleiern – wobei man sich der Hilfe der “Intellektuellen” versichert – und ihre Räuberei als “soziale” Wohltat zu verbrämen, indem man an das scheinbar unausrottbare Neidgefühl der Wählermassen appelliert und verspricht, diese an der Beute zu beteiligen; und darin, diese Beute dann, nach der Wahl (die Mencken treffend als Voraus-Aktion gestohlener Güter bezeichnet hat) tatsächlich so geschickt zu verteilen, dass die Wähler auch zukünftig bei der Stange bleiben. Die Intelligenz von Politikern ist also die Intelligenz von moralisch skrupellosen Demagogen und gerissenen Gaunern, und deshalb geht von ihnen und ihrem Schmarotzertum eine unvergleichlich viel größere Gefahr für alle Produzenten aus als von der intellektuell unterprivilegierten schmarotzenden Unterklasse.

Doch auch die Staatsbediensteten und selbst die hochrangigsten Politiker können nur schwerlich als Hauptprofiteuere staatlicher Abzocke angesprochen werden – und damit komme ich zur letzten, sehr viel kleineren aber umso einflussreicheren Gruppe der Klasse wirtschaftlicher Parasiten, den Plutokraten.

Unter demokratischen Bedingungen kommt es zum Aufstieg einer neuartigen Machtelite und herrschenden Klasse. Präsidenten, Kanzler, Minister, Parlaments- und Parteiführer gehören zu dieser Klasse, aber es wäre naiv anzunehmen, dass sie selbst die mächtigsten und einflussreichsten aller Personen sind. Sie sind häufiger nur Agenten oder Delegierte anderer Personen, die selbst im Hintergrund bleiben und außerhalb des Rampenlichts stehen. Die eigentliche Machtelite, die bestimmt und kontrolliert, wer es überhaupt zum Präsidenten, Kanzler, Parteiführer usw. bringt, sind die Plutokraten. Das sind nicht einfach die Superreichen – Großbankiers und Großindustrielle. Vielmehr handelt es sich bei Plutokraten nur um eine Untergruppe Superreicher. Die Plutokraten sind diejenigen Großbankiers und Großindustriellen, die das ungeheure Potential erkannt haben, das der Staat als Institution mit dem Recht zur Besteuerung und zur Gesetzgebung zum Zweck der eigenen Bereicherung bietet; und die sich aufgrund dieser Einsicht in die Politik einschalten. Sie haben erkannt, dass man mittels des Staates, durch politische Mittel, noch schneller noch viel reicher werden kann als man es schon ist: sei es durch den Empfang staatlicher Subventionen, sei es durch staatliche Großaufträge oder sei es durch Gesetze, die sie vor unliebsamer Konkurrenz schützen oder gar vor dem Bankrott bewahren, wie wir es erst jüngstens, während der sogenannten Bankenkrise in grossem Stil erlebt haben. Und sie haben daraufhin entschieden, ihren Reichtum zur Eroberung des Staatsapparates einzusetzen. Dabei ist es gar nicht erforderlich, selbst Politiker zu werden. Plutokraten haben wichtigere und lukrativere Dinge zu tun als ihre Zeit im politischen Alltagsgeschäft zu vergeuden. Aber sie haben das Geld und die gesellschaftliche Position, um die in aller Regel weit weniger wohlhabenden und weniger hellen Spitzenpolitiker zu kaufen, sei es direkt durch Schmier- und Bestechungsgelder oder indirekt indem man ihnen nach Ablauf ihrer politischen Karriere hochdotierte Positionen als Firmenmanager, Berater und Lobbyisten zusichert, um auf diese Weise den Verlauf der Politik entscheidend zum eigenen Vorteil zu beeinflussen. Und sie sind es dann, die mit dem Staat aufs Engste “wirtschaftlich verbundenen” Großbankiers und Großindustriellen, die am meisten von der gigantischen Maschinerie der Einkommens- und Vermögensumverteilung, die die Demokratie ist, profitieren. Und zwischen ihnen, der wirklichen Machtelite, den Beschäftigten des scheinbar unaufhaltsam wachsenden und aufblähenden Staatsapparats und der Unterklasse, wird die vielzitierte “Mittelschicht” der Gesellschaft oder genauer: die noch verbliebene Klasse wirtschaftlich produktiver Personen zunehmend ausgepreßt und plattgedrückt.

Ich muss zum Schluss kommen. Steuern sind ungerecht, eine moralische Sauerei. Und der ganze demokratische Steuerstaat ist nichts anderes als eine unermessliche Verschwendung knapper sachlicher und menschlicher Ressourcen und eine Brutstätte wirtschaftlichen Parasitentums. Steuerhinterziehung ist darum nicht “asozial,” wie ein Herr Gauck uns vorzugauckeln versucht, sondern ein positiver, sozialer Beitrag zur Trockenlegung eines riesigen moralischen und wirtschaftlichen Sumpfes. Es sind nicht “Steuersünder” wie Uli Hoeneß, sondern Herrschaften wie Joachim Gauck und Konsorten, die asozial sind.

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Professor Dr. Hans-Hermann Hoppe, Jahrgang 1949, ist einer der einflussreichsten Vertreter und konsequentesten Vordenker der libertären Lehre (Libertarians) der Österreichischen Schule in der Tradition von Ludwig von Mises (1881 – 1973) und Murray N. Rothbard (1926 – 1995). Er war von 1986 bis 2008 Professor für Volkswirtschaftslehre an der University of Nevada in Las Vegas. Hoppe ist Distinguished Fellow des Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama. Im Mai 2006 gründete er die Property and Freedom Society (http://propertyandfreedom.org/). Zu seinen Werken gehören unter anderem: A Theory of Socialism and Capitalism (Ludwig von Mises Institute, 1989), Demokratie. Der Gott, der keiner ist (Verlag Manuscriptum, 2003), Der Wettbewerb der Gauner: Über das Unwesen der Demokratie und den Ausweg in die Privatrechtsgesellschaft (Holzinger-Verlag, 2012). Zuletzt erschienen: The Great Fiction: Property, Economy, Society, and the Politics of Decline (Laissez Faire Books, 2012).

Professor Dr. Hans-Hermann Hoppe ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des “Ludwig von Mises Institut Deutschland”.

Weitere Informationen zu und von Professor Dr. Hans-Hermann Hoppe auch auf “HansHoppe.com