Claus Vogt: „Immer massivere Staatseingriffe führen in den Sozialismus oder in eine Vertrauenskrise!“

Claus Vogt

20.04.2012 – Claus Vogt im Interview mit misesinfo.

Herr Vogt, Sie haben dieser Tage in einem anderen Interview gesagt, dass die Gelddruckmaschine der EZB der einzige Grund für die jüngsten Kursaufschwünge an den Börsen gewesen sei. Den Profis an den Finanzmärkten scheint das bestimmt klar zu sein. Viele Private und Kleinanleger scheint dieser Zusammenhang nicht bewusst zu sein, vor allem können viele nicht erklären, warum die Renditen südeuropäischer Staatsanleihen seit Januar so deutlich gefallen sind. Ist die derzeitige „Ruhe“ gerade für Laien nicht „trügerisch“?

Den europäischen Banken wurden von der Europäischen Zentralbank in zwei Schritten im Dezember 2011 und im Februar 2012 1 Billion € mit einer Laufzeit von 3 Jahren und einem Zinssatz von 1% zur Verfügung gestellt. Diese außergewöhnliche geldpolitische Maßnahme begann, als klare Anzeichen einer erneuten krisenhaften Zuspitzung innerhalb des europäischen Bankensystems sichtbar wurden, die Zinsen der besonders fragwürdigen europäischen Staatsanleihen erneut deutlich gestiegen waren und die Aktienmärkte Fahrt nach unten aufnahmen. Durch den Eingriff der Zentralbankbürokraten wurden diese drei Entwicklungen oder Trends gestoppt und umgekehrt. Die billigen Kredite der ECB fanden offensichtlich ihren Weg an die Finanzmärkte.

Eine Zeitlang können solche geldpolitischen Marktmanipulationen die Marktkräfte außer Kraft setzen. Dauerhaft funktioniert das aber nicht, da die zugrunde liegenden Probleme – überschuldete Staaten, marode Banken und eine vermutlich weltweite Rezession, die in Europa bereits begonnen hat – mit der Gelddruckmaschine nicht gelöst werden können. Es handelt sich hier also tatsächlich um eine trügerische Ruhe, um die Ruhe vor dem Sturm.

Im Vorgespräch zu diesem Interview sprachen Sie davon, dass die Politik bei Geldanlagen und überhaupt bei Investitionsentscheidungen immer mehr ins Kalkül gezogen werden muss. Erklären Sie das bitte unseren Lesern.

In den vergangenen Jahren haben die Markteingriffe der Regierungen und ihrer Zentralbanken drastisch zugenommen. Sie haben die normalerweise stattfindenden marktwirtschaftlichen Anpassungsprozesse verhindert, besser gesagt: in die Zukunft verschoben und damit die Lage weiter verschlimmert. Rezessionen und Unternehmenspleiten – auch Bankenpleiten – sind notwendige Bereinigungsprozesse. Sie sorgen dafür, dass die – aus welchen Gründen auch immer – schlechteren Unternehmen vom Markt verschwinden und von den besseren Unternehmen verdrängt werden. Das ist ein wichtiger Bestandteil des Wettbewerbs, der die Besseren belohnt und die Schlechteren bestraft. Ein guter Analyst kann auf der Mikroebene prinzipiell erkennen, wer die Schlechteren und wer die Besseren sind und davon profitieren. Auf der Makroebene kann er Ungleichgewichte und Fehlentwicklungen ebenso erkennen wie Rezessionen und Aufschwünge und von diesem Wissen profitieren. Die Marktmanipulationen der (Geld)Politiker stören diese Prozesse. Der Vorteil, den ein guter Analyst hat, der die Marktprozesse versteht, geht verloren. Was dann zählt, ist das Wissen über zukünftige Entscheidungen politischer Akteure.

Die EZB, genauso wie die amerikanische Notenbank, maßt sich an, zu wissen, wo der richtige Zins für die Volkswirtschaften liegt. Warum kann das nicht funktionieren?

An freien Märkten findet eine Informationsverarbeitung gewaltigen Ausmaßes statt. Eine Unmenge unterschiedlichster Akteure aus den verschiedensten Bereichen und mit den unterschiedlichsten Kenntnissen treffen hier aufeinander: Sie setzen einen Prozess der Informationsverarbeitung in Gang, der der Preisfindung dient. Nun ist der Zins ja auch ein Preis, der Preis für die Bereitstellung von Kapital. Also sollten auch in diese Preisfindung das Wissen und die Kenntnisse aller Marktteilnehmer eingehen und nicht das zwingend sehr beschränkte Wissen einer kleiner Gruppe politisch ausgewählter Bürokraten. Diese Gruppe kann immer nur über einen kleinen Teil aller im Markt vorhanden Informationen verfügen. Folglich ist es Anmaßung von Wissen und eine geradezu lächerliche Selbstüberschätzung, wenn Menschen glauben, sie wüssten den richtigen Preis eine Gutes, einer Dienstleistung.

Wohin wird uns diese Politik des billigen Geldes führen?

Der Weg immer massiverer Staatseingriffe führt entweder in den Sozialismus – wenn er in aller Konsequenz weitergegangen wird. Oder er führt zu einer Vertrauenskrise in die Zahlungsversprechungen des Staates oder in das staatliche Zwangsgeld. Dann kommt es zu drastisch steigenden Zinsen – siehe Griechenland – und zu einer Flucht aus der Währung bis hin zum Zusammenbruch des Währungssystems.

Hans-Hermann Hoppe, ein prominenter Vertreter der Österreichischen Schule, schreibt in seinem neuesten Buch: „In jedem Fall gibt es keinerlei Grund, warum der Staat irgendetwas mit der Herstellung von Geld zu tun haben sollte.“ Können Sie dem zustimmen?

Es gibt nicht nur keinen Grund, der – aus Sicht der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung – dafür spricht, dass der Staat mit der Herstellung von Geld betraut wird. Es gibt sogar jede Menge Gründe, die eindeutig dagegen sprechen.

Vielen Dank, Herr Vogt, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben.

Die Fragen stellte Andreas Marquart, misesinfo.

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Claus Vogt ist geschäftsführender Gesellschafter von Aequitas Capital Partners
Seit 1987 in verantwortlichen Tätigkeiten an den Finanzmärkten aktiv, u.a.: Financial Consultant Merrill Lynch International Ltd., Frankfurt; Finanzanalyst HSBC Trinkaus, Düsseldorf; Leiter Research Berliner Effektenbank, Berlin; Leiter der Vermögensverwaltung & Chefanalyst quirin Bank AG, Berlin; Autor diverser Fachpublikationen und Bücher, u.a. gemeinsam mit Roland Leuschel „Das Greenspan Dossier“ (2003) und „Die Inflationsfalle“ (2009).
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