Klimaforschung: „Technologie vereint, Politik entzweit“

2.11.2016 – von Bill Frezza.

Bill Frezza

Möglicherweise hatten Sie nicht die Gelegenheit, den letzten Artikel von Daniel Sarewitz mit der Überschrift Saving Science zu lesen, er erschien im Journal The New Atlantis. Der Beitrag hat bereits allerlei Wellen in der wissenschaftlichen Community geschlagen, verdient jedoch weit mehr Aufmerksamkeit, nicht nur von Wissenschaftlern, sondern auch von Politikern. Ich habe Sarewitz kürzlich für RealClear Radio interviewt und würde einen der vielen besprochenen Punkte gerne näher beleuchten, nämlich den Missbrauch von Klimamodellen.

Zunächst jedoch ein paar Hintergrundinformationen:

Analog zu der Stichelei über England und Amerika, welche oft und fälschlicherweise George Bernhard Shaw zugeschrieben wird, sind die Naturwissenschaften und das Ingenieurwesen zwei Professionen, welche durch eine gemeinsame Sprache geteilt sind. Diese Sprache ist natürlich die Mathematik, eine symbolische Abstraktion, durch die es uns gelingt, die natürliche Welt zu beschreiben, zu erklären und manchmal auch zu transformieren. Dieser Zweck ist bedeutend, da die Differenzen, mit denen Wissenschaftler und Ingenieure Mathematik einsetzen, profunde politische Konsequenzen nach sich ziehen, wenn diese Kalkulationen zu sehr von der beobachtbaren Realität abweichen.

Als die Mathematik vom Papier auf den Computer übersprang, wurde ihre Eleganz mit geballter Kraft und rasender Geschwindigkeit vorangetrieben. Dies ermöglichte Wissenschaftlern und Ingenieuren Computermodelle zu entwickeln, welche physikalische Phänomene simulieren können. Schließlich wurden einige dieser Simulationsmodelle dahingehend verbessert, dass damit „was wäre wenn“-Experimente schneller und einfacher am Computer durchgeführt werden konnten, anstatt physikalische Experimente abzuhalten. Angetrieben vom Mooreschen Gesetz, konnten verbesserte Computer Milliarden von Kalkulationen pro Sekunde durchführen und die am weitesten entwickelten Simulationsmodelle erreichten ein atemberaubendes Ausmaß an Perfektion.

Technologiebasiertes Ingenieurwesen

In der Welt der Ingenieure bekamen wir physikalische Halbleitermodelle, welche versuchten, das Verhalten integrierter Schaltkreise zu simulieren. Zu Beginn waren diese Modelle recht grob und die Schaltkreise waren dementsprechend simpel. Jedoch wurden die integrierten Schaltkreise langsam im Einklang mit den dafür vorgesehenen Werkzeugen und aufgrund einer eng aufeinander abgestimmten Rückkopplungsschleife weiterentwickelt. Die daraus abgeleiteten Modelle konnten fehlerfrei das Verhalten von um einzelne Atomschichten rotierenden Elektronen prognostizieren.

Immer wenn die Modelle Prognosen produzierten, die von den gemessenen Resultaten abwichen und manchmal sogar ein Los von Computerchips ruinierten, wurden die Modellparameter nachjustiert. Dies geschah des Öfteren mit der Hilfe von Wissenschaftlern, deren Forschung auf den technologischen Entwicklungen beruhten, da die Ingenieure sie fragten, was den schiefgelaufen war. Unternehmen, die diesen Prozess beherzigten, boomten. Jene die diesen Prozess nicht beherrschten, verschwanden vom Markt. Für uns alle brachte dieser fortdauernde Prozess bessere, schnellere und billigere Geräte, da aus urzeitlichen Transistorradios die heutigen leistungsstarken Smartpones hervorgingen.

Budgetbasierte Wissenschaft

In der akademischen Sphäre haben wir hingegen Klimamodelle, die versuchen, das kombinierte Verhalten der Sonne zusammen mit der Erdatmosphäre, den Ozeanen, den Wolken und der gesamten Biosphäre als ein gigantisches integriertes System zu simulieren. Zu Beginn waren diese Modelle sehr grob und der Interstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen der Vereinten Nationen verkündete unmissverständlich, dass „das Klimasystem ein gekoppeltes, nicht-lineares, chaotisches System ist und deshalb langfristige Prognosen über den Zustand des zukünftigen Klimas unmöglich sind.“ Dies hielt Umweltaktivisten jedoch nicht davon ab, alarmierende Prognosen über außer Kontrolle geratene Klimaerwärmung für zukünftige Jahrzehnte zu produzieren.

Dies war der perfekte, anklagende Narrativ, denn diese Modelle wurden nie dazu benutzt, etwas zu entwickeln und daher konnten sie auch nicht getestet werden. Man konnte ja nicht die Ingenieure fragen, eine Charge von Planeten mit unterschiedlichen CO2-Konzentrationen aus dem Ärmel zu schütteln, um zu sehen, ob diese Modellparameter die Realität reflektierten. Der einzige verbleibende Rückkopplungseffekt, welcher die wissenschaftliche Entwicklung vorantrieb, war der Budgeteffekt, da die Zufriedenstellung der finanzierenden Organisationen die höchste Priorität einnahm. Als die Finanzierung dann politisiert wurde, verkam der Klimawandel zu einem parteipolitischen Totschlagargument. Die Wissenschaftler mit den am meisten alarmierenden Prognosen wurden belohnt, während sich die Vernünftigeren neue Forschungsgebiete suchen mussten. Für alle anderen brachte dies eine unlösbare, vergiftete und polarisierende politische Kontroverse, welche bedeutende Segmente unserer Wirtschaft in Aufruhr versetzt.

Währenddessen zeigen die veröffentlichten Schätzungen der Klimasensitivität – der kritische Parameter, auf dem diese Modelle beruhen – einen weiterhin anhaltenden, abnehmenden Trend und widerlegen somit auf spektakuläre Art und Weise die alten alarmierenden Klimaprognosen. Und diejenigen Wissenschaftler, die Technologien testen wollen, um den Planeten zu kühlen, indem sie zum Beispiel reflektierende Partikel in die Atmosphäre sprühen, wissen, dass obwohl man bereits Milliarden verpulvert hat, diese Modelle nach wie vor nicht gut genug sind, um die Konsequenzen solcher Interventionen abschätzen zu können.

Dies führt uns zurück zu Daniel Sarewitz, Co-Direktor des Konsortiums für Wissenschaft, Politik und Ergebnisse an der Arizona State University. Sarewitz, ein ausgebildeter Geowissenschaftler, ist erschreckt darüber, dass „die Wissenschaft in einem selbstzerstörerischen Vortex gefangen ist“, welcher sowohl die Wissenschaft, als auch die Demokratie gefährdet. In seiner oben erwähnten Analyse nagelt er seine Thesen an die Tür der Forschungsstätten des akademischen Establishments und fordert es dazu auf, sich gefälligst zusammenzureißen. Er argumentiert, dass die Politisierung der Wissenschaft dazu führt, dass wissenschaftliche Debatten durch politische ersetzt werden und wir schlussendlich über nicht verifizierbare Prognosen, die eine unsichere Zukunft betreffen, streiten, anstatt uns mit den komplexen Kosten-Nutzen-Analysen und den damit verbundenden politischen Entscheidungen auseinanderzusetzen. Geht es nach ihm, muss die Frage lauten: „Was sollen wir und was können wir bezüglich CO2-Emissionen tun, nachdem wir alle potentiellen Szenarios berücksichtigt haben?“

Sarewitz lässt sich aber nicht unterkriegen und glaubt, des Rätsels Lösung gefunden zu haben. Sein Motto lautet, „Technologie vereint, Politik entzweit“. Er schlägt vor, dass die Wissenschaft ihrem „geschützten politischen Status abschwört und sowohl ihre Grenzen als auch ihre Rechenschaftspflicht gegenüber dem Rest der Gesellschaft anerkennen soll“. Obwohl er die langfristigen Klimavoraussagen als „vergebliche Mühe“ bezeichnet, glaubt er, dass zu viel CO2 in der Atmosphäre und die menschengemachte Klimaerwärmung ein längerfristiges Problem ist und die Entkarbonisierung der Energieindustrie notwendig macht. Er betrachtet diesen Vorgang aber als einen jahrzehntelangen Prozess, den man – statt mit einer politisierten Wissenschaft – besser durch Anpassung, Innovation, Wohlstandserzeugung und Wirtschaftswachstum unterstützen sollte.

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Aus dem Englischen übersetzt von Mathias Nuding. Der Originalbeitrag mit dem Titel Climate Modeling: Settled Science or Fool’s Errand? ist am 6.10.2016 auf der website des Mises-Institute Canada erschienen.

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Bill Frezza ist Ingenieur, Unternehmer, Risikokapitalgeber und Autor. Nach 35 Jahren Tätigkeit im Bereich modernster Technologien konzentriert er sich mehr und mehr auf das Publizieren im Sinne einer Befürwortung freier Märkte. Er ist Technology and Entrepreneurship Fellow des Competitive Enterprise Institute.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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